Der Kanzlerbungalow steht im Park des Palais Schaumburg, 2009.
Das Arbeitszimmer im Kanzlerbungalow sieht heute wieder aus wie zur Amtszeit von Bundeskanzler Ludwig Erhard, 2014.

Kanzlerbungalow

Wohn- und Empfangsgebäude der Bundeskanzler
1964–1999

Der Kanzlerbungalow im Park des Palais Schaumburg ist von 1964 bis 1999 das Wohn- und Empfangsgebäude der deutschen Bundeskanzler.

Der Kanzlerbungalow kann im Rahmen einer Begleitung besichtigt werden.

Zu den Besucherinformationen

Einst hat die Nachricht die Republik erschüttert: Bundeskanzler Ludwig Erhard lasse sich im Park des Palais Schaumburg eine Dienstwohnung bauen. Mit Schwimmbad! Besucher des 1964 fertiggestellten Kanzlerbungalows aber sind noch heute überrascht – aufgrund der Enge, die zentrale Räume des Wohntraktes kennzeichnet, und weil das Schwimmbad mit einer Beckenlänge von drei mal sechs Metern doch sehr klein ist. Die Transparenz, die das geradlinige, mit vielen Glasfassaden bedachte Gebäude nach außen demonstriert, verkehrt sich im Privattrakt nahezu ins Gegenteil. Die Schlafzimmer besitzen keine Fenster nach außen. Eine Glasfront mit Schiebetür führt lediglich in einen winzigen Innenhof, so dass der Blick auf die Räume gegenüber und den kleinen Swimmingpool fällt.

Schwarzweiß-Foto, drei Männer und eine Frau. Rechts steht Bundeskanzler Erhard und empfängt einen Schlüssel von dem Herrn links.
Bundesschatzmeister Werner Dollinger (links) überreicht Bundeskanzler und Bauherrn Ludwig Erhard (rechts) den Schlüssel für den Kanzlerbungalow, 12. November 1964.

Die Kritik, die anfänglich am Kanzlerbungalow geübt wird, hat allerdings andere Ursachen. Ausgerechnet jener Politiker, der das Maßhalten predigt und eben noch in der Debatte um die Kriegsopfer-Versorgung für Sparsamkeit plädiert, lässt sich einen Bungalow mit rund 800 Quadratmetern Nutzfläche und Pool bauen. Ausgerechnet er empört sich über die Forderung des Haushaltsausschusses, den Kostenrahmen dafür auf zwei Millionen DM zu beschränken. Einigen Beobachtern ist das schwer zu vermitteln. Das gilt auch für die Entscheidung Erhards, aufgrund der negativen Schlagzeilen die Presse vom Richtfest im Mai 1964 auszuschließen – und für den Baustil. „Ich fürchte“, meint Altkanzler Konrad Adenauer 1967, „der brennt nicht mal, da kann kein Mensch drin wohnen.“

"Ich weiß nicht, welcher Architekt den Bungalow gebaut hat, aber der verdient zehn Jahre."

Konrad Adenauer

Er irrt sich. Selbstverständlich können die Kanzler darin wohnen und arbeiten. Zwar geht es im Bungalow nicht immer so entspannt zu wie an den Abenden, an denen Schlagerstar Udo Jürgens für Kurt Georg Kiesinger spielt oder Helmut Schmidt selbst am Klavier sitzt. Auch kommen nicht ständig hohe Gäste vorbei wie US-Präsident Richard Nixon, die G7-Staats- und Regierungschefs oder jene Monarchen aus Japan und den Niederlanden, denen Bundeskanzler Willy Brandt oder Bundespräsident Gustav Heinemann den Bungalow als Gästehaus überlassen. Dennoch ist gerade dieser Flachbau ein Ort, an dem Politik gedacht und gemacht wurde – er ist nicht zuletzt ein Rückzugsort.

Die hochmoderne Architektur des 1964 fertiggestellten Kanzlerbungalows unterscheidet sich von den Dienstvillen anderer Länder wie vor allem dem Weißen Haus in den Vereinigten Staaten, der Downing Street in Großbritannien oder dem Elysée-Palast in Frankreich. Der Avantgardebau hebt sich bewusst von der Staatsarchitektur der NS-Zeit ab. Geplant hat ihn der Architekt Sep Ruf, der für Ludwig Erhard 1954/55 bereits ein Privathaus in Gmund am Tegernsee gebaut hat. Der private und der repräsentative, öffentliche Teil des Gebäudes sind streng voneinander getrennt.

Bis auf Ludwig und Luise Erhard sowie das Ehepaar Schmidt, das die „Anklänge von Bauhaus“ goutiert, den Park drum herum mag und acht Jahre im Kanzlerbungalow wohnt, schätzen die Kanzler den Bau nicht besonders. Kurt Georg Kiesinger empfindet ihn als unbehaglichen „Schlafwagen“, ordnet Umbauten an und lässt die Designermöbel der Hermann-Miller-Collection entfernen.

Der Empfangsraum befindet sich im repräsentativen Teil des Kanzlerbungalows, 2014.

Willy Brandt und Gattin nutzen ihn nur für Veranstaltungen, bleiben bis 1974 lieber in der Außenministervilla auf dem Venusberg wohnen. Helmut Kohl, der von 1983 bis 1999 im Bungalow lebt und den Räumen mit Seidentapeten, Perserteppichen und Deckenleuchten etwas mehr Bürgerlichkeit zu geben versucht, spricht von einem „absurden Bauwerk“.

Aber es hat auch seine Vorzüge und seine Funktion: In der privaten Atmosphäre können bei Gesprächen einige der gewohnten oder erwarteten Verhaltensweisen durchbrochen werden. Unweit des Bungalows spielt unter anderem die bekannteste Episode der Kanzlerschaft Helmut Kohls: das nächtliche Gespräch mit Michail Gorbatschow, als Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chef der Sowjetunion, im Juni 1989.

Bundeskanzler Ludwig Erhard und Architekt Sep Ruf begehen die Räumlichkeiten bei der Einweihung des Kanzlerbungalows am 12. November 1964. Zu hören ist der Bericht der Wochenschau zur Einweihung des neuen Wohn- und Empfangsgebäudes.

Die beiden Männer sprechen am Ufer über ihre Lebenswege, kommen sich als Menschen näher. „Ich zeigte auf den Rhein und meinte: Schauen Sie sich den Fluss an, der an uns vorbei strömt. Er symbolisiert die Geschichte, sie ist nichts Statisches. […] so sicher, wie der Rhein zum Meer fließt, so sicher wird die deutsche Einheit kommen – und auch die europäische Einheit.“ Bei Gorbatschow, schreibt Kohl in seinen Erinnerungen, habe nach diesem Gespräch ein Umdenken eingesetzt.

Kleines Schwimmbecken im Innenhof eines Bungalows mit verglasten Wänden.
„Sechs Stöße Brust, Purzelbaumwende, sechs Stöße Rücken – täglich" macht Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger im Schwimmbecken, während er im Kanzlerbungalow wohnt.

Helmut Kohl bleibt bis 1999 im Kanzlerbungalow. Bundeskanzler Gerhard Schröder, gewählt am 27. Oktober 1998, will in den wenigen Monaten bis zum Berlin-Umzug nicht mehr einziehen, nutzt lieber das Palais Schaumburg. Heute kann der Bungalow, unter dem sich für den Ernstfall ein 400 Quadratmeter großer Bunker befindet, von jedermann besichtigt werden.

Wussten Sie schon ...

… welche Szenen sich im Kanzlerbungalow nach der Wiederwahl Willy Brandts zum Bundeskanzler 1972 abspielen? Egon Bahr erinnert sich: „Der Abend im Kanzlerbungalow ist überwältigend ... Günter Grass behauptet, mich küssen zu müssen, und tut es. Willys Umarmung schmerzt fast. Henry ruft aus Paris an und beginnt, mich zu duzen. Honecker telefoniert zum erstenmal mit einem Bundeskanzler und läßt grüßen.“