1993 zieht die FDP in ihre bereits vor dem Mauerfall geplante neue Bundesgeschäftsstelle ein, 2018.
Das Gebäude ist benannt nach Thomas Dehler, dem ersten Bundesjustizminister und Bundesvorsitzenden der FDP, 1998.

Thomas-Dehler-Haus

Bundesgeschäftsstelle der FDP
1993–1999

Das Thomas-Dehler-Haus an der Willy-Brandt-Allee ist von 1993 bis 1999 die vierte Bundesgeschäftsstelle der Freien Demokratischen Partei (FDP) in Bonn.

Lange Zeit ist der parlamentarische Betrieb in Bonn von drei Parteien geprägt: den Volksparteien CDU und SPD – und der Freien Demokratischen Partei. Sie ist wesentlich kleiner, profiliert sich aber mit dezidiert marktwirtschaftlichen und bürgerrechtlichen Positionen.

Die Bundesgeschäftsstelle der Liberalen, deren Landesverbände sich auf dem Heppenheimer Parteitag 1948 zur „Freien Demokratischen Partei“ zusammengeschlossen haben, befindet sich zunächst ab Juni 1950 in der Moltkestraße 5. Im November 1956 wechselt sie in das Gebäude einer ehemaligen Nervenklinik am Bonner Talweg 57, im April 1976 in die Baunscheidtstraße 15, die vorher in der Bauphase des Ollenhauer-Hauses von der SPD genutzt wird.

Kurz vor dem Fall der Mauer beschließen die Liberalen einen Büroneubau an der heutigen Willy-Brandt-Allee. Aber das Projekt zieht sich bis Mai 1993 dahin – die Hauptstadtfrage nach der deutschen Einheit hat die Bauherren zwischenzeitlich am Sinn des Einzugs zweifeln lassen, außerdem finden Bauarbeiter Reste einer römischen Siedlung.

Blick von unten hoch an der freistehenden Säule des Thomas-Dehler-Hauses, in der Mitte des Gebäudes.
Den Grundstein für das Thomas-Dehler-Haus legt 1991 der damalige FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff, 2018.

Benannt ist der Neubau wie schon die Geschäftsstelle in der Baunscheidtstraße nach dem einstigen Parteivorsitzenden Thomas Dehler. Der Rechtsanwalt war in der Weimarer Republik wie Theodor Heuss Mitglied der linksliberalen DDP gewesen. 1948/49 zählte er zu den Mitgliedern des Parlamentarischen Rats, dann des Bundestags. Vor allem aber etabliert Dehler während der Ära Adenauer die FDP als eigenständige Kraft: „Die FDP“, heißt es im ersten Grundsatzprogramm der Partei, das zum Ende seiner Amtszeit 1957 formuliert wird, „erstrebt auf allen Lebensgebieten die Sicherung der Freiheit des Menschen zu verantwortlichem Handeln. Aus sozialer Verantwortung lehnt sie den Marxismus und sozialistische Experimente ab, ebenso aus christlicher Verantwortung den Mißbrauch der Religion im politischen Tageskampf.“

Die Sprache dieser Zeilen ist eine andere als die der „Freiburger Thesen“, mit denen sich die FDP 1971 zu einem „sozialen Liberalismus“ bekennt. Sie ähnelt vielleicht ein wenig dem Plakat, das die Liberalen, die sich während der Ära Kohl vorwiegend als wirtschafts- und außenpolitischer Partner empfehlen, 1998 vor der Bonner Geschäftsstelle aufhängen. Das Wahlplakat zeigt ein Aquarium, in dem ein kleiner gelber Fisch gegen einen Strom lauter roter Fische anschwimmt: „Einer“, heißt es daneben, „muss es ja tun.“

Thomas Dehler steht am Rednerpult des Bundestages und spricht, im Hintergrund sieht man Abgeordnete.
Thomas Dehler ist von 1960 bis zu seinem Tod 1967 Vizepräsident des deutschen Bundestags, 1965.

Die Parteiarbeit in den neunziger Jahren – Guido Westerwelle ist Generalsekretär im „Thomas-Dehler-Haus“ – ist von dem Versuch geprägt, die Flügelkämpfe zwischen eher gesellschaftspolitisch und eher wirtschaftspolitisch engagierten Liberalen zu überwinden, um breitere Wählerkreise anzusprechen. Die „Wiesbadener Grundsätze“, die der Bundesparteitag im Mai 1997 beschließt, sprechen in einem Atemzug von der „Marktwirtschaft und ihren sozialen Verpflichtungen“ und der Vision einer „liberalen Bürgergesellschaft“.

Trotzdem finden sich die Liberalen, als die von Wolfgang Gerhardt geführte FDP im Juli 1999  nach Berlin umzieht, nach der Bundestagswahl 1998 auf der Oppositionsbank wieder. Sieht man einmal von den Jahren der großen Koalition ab: eine ungewohnte Rolle für die Partei, die von 1969 bis 1998 als Koalitionspartner von SPD oder CDU unter anderem sämtliche Außenminister stellt.

Blick von der Straße auf die rechte vordere Ecke des Thomas-Dehler-Hauses.
Seit dem Umzug der Parteizentrale nach Berlin-Mitte wird das Haus als Bürogebäude genutzt, 2018.

Wussten Sie schon ...

... dass Thomas Dehler als Justizminister ab 1950 in der Rosenburg in Kessenich residiert? Die Devise des früheren Anwalts, formuliert Der Spiegel so: "Recht, mehr Recht, noch viel mehr Recht und weniger Gesetze." Die Personalpolitik in der Rosenburg sorgt später trotzdem für Schlagzeilen.