Die Ausstellung erinnert an das Leben und politische Wirken des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt, 2019.

Willy-Brandt-Forum Unkel

1979–1992

In Unkel, wo der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt von 1979 bis 1992 gewohnt hat, erinnert eine Ausstellung an sein Leben und Wirken.

Informationen zu Öffnungszeiten und Preisen finden Sie auf der Website des Willy-Brandt-Forums.

Willy-Brandt-Forum

Ein Arbeitszimmer in Unkel steht im März 2011 im Fokus. Es gehört dem berühmtesten Bürger der Stadt, stand einst in seinem Wohnhaus „Auf dem Rheinbüchel 60“, dann im Rathaus – und nun ist es hier: Der private Schreibtisch und die Bücherwände des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt sind Magnet in der Ausstellung im Bürgerforum. Sie widmet sich dem Leben des Sozialdemokraten, der in der letzten Schaffensphase seines Lebens in Unkel gewohnt hat.

In der allgemeinen Wahrnehmung ist der Ort am Rhein bis heute kaum als Lebensstation Brandts bekannt. Willy Brandt wird mit Lübeck verbunden, wo er 1913 als Herbert Frahm zur Welt kam, mit seinem Exil in Norwegen und Schweden, das er nach Kriegsende wieder verließ. Schließlich mit Berlin, wo Brandt von 1957 bis 1966 als Regierender Bürgermeister wirkte.

Und natürlich mit Bonn. Dort gehört der Berliner SPD-Abgeordnete Willy Brandt bereits dem ersten Deutschen Bundestag an. Für die Sitzungswochen hat er ein Zimmer in der Hausdorffstraße, bezieht während seiner Amtszeit als Außenminister 1966 bis 1969 eine Dienstvilla auf dem Venusberg, und auch als Bundeskanzler 1969 bis 1974 bleibt er am Kiefernweg wohnen: „Sonntags kamen Scheel und Ahlers oft zu uns herüber, um etwas mit Willy zu besprechen, und so war es nicht mehr als billig, daß auch die Frauen sich zusammensetzten“, so erinnert sich Brandts Ehefrau Rut an die Kontakte zu Außenminister und Regierungssprecher. Nach Brandts Rücktritt bezieht die Familie ein nahe gelegenes Doppelhaus am Paulshof.

Unkeler Marktplatz mit Kopfsteinpflaster bei blauem Himmel, hinten mittig das Willy-Brandt-Forum, an den Bildrändern Fachwerkhäuser, vorne rechts ein Baum
Das Forum liegt am Willy-Brandt-Platz in Unkel, 2019.

Erst 1979 entdeckt Willy Brandt Unkel für sich. Er hat eine neue Partnerin und verbringt mit ihr in Unkel, zunächst in einer Wohnung an der Eschenbrenderstraße, dann in einem eigenen Haus, die Lebensjahre bis zu seinem Tod 1992. Als Feriendomizil legt sich das Paar ein altes Bauernhaus in Gagnières zu, wohin sie häufig reisen.

Es sind keine Rentnerjahre: Bis 1983 ist Brandt Mitglied des Europäischen Parlaments, bis 1987 Vorsitzender der SPD und bis 1992 Präsident der Sozialistischen Internationalen. Man erlebt ihn bei der Bundespressekonferenz, wo er 1983 den zweiten Bericht der entwicklungspolitischen „Nord-Süd-Kommission“ präsentiert, in Ost-Berlin bei Gesprächen mit SED-Generalsekretär Erich Honecker, im Kreml bei Michail Gorbatschow
Kurz vor seinem 77. Geburtstag reist er während des zweiten Golfkriegs 1990 für drei Tage nach Bagdad, um Saddam Hussein zur Freigabe von fast 200 ausländischen Geiseln zu bewegen. Am 20. Juni 1991 kämpft er als Bundestagsabgeordneter bei der Bonn-Berlin-Abstimmung für den Regierungsumzug nach Berlin.

Schwarzweiß-Fotografie, Altkanzler Willy Brandt (SPD) wirft seinen Stimmzettel in die Wahlurne eines Unkeler Wahllokals
Altbundeskanzler Willy Brandt gibt seine Stimme ab bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagwahl am 2. Dezember 1990 in einem Unkeler Wahllokal.

Nebenher findet Willy Brandt, der 1971 den Friedensnobelpreis für seine Entspannungspolitik zwischen Ost und West bekommen hat, auch noch Zeit für seine Memoiren.

Es ist ein atemloses Leben. Wo immer Brandt hinkommt, steht er im Scheinwerferlicht. Im rechtsrheinischen Unkel, einem Städtchen mit 4.000 Einwohnern am Rhein, können er und seine neue Partnerin Brigitte Seebacher bei sich sein. Als er unheilbar krank ist, machen sich viele Weggefährten noch einmal auf, um in Unkel letzte Worte mit ihm zu wechseln. Michail Gorbatschow, der ohne Voranmeldung vor der Tür steht, wird irrtümlich für einen verkleideten Journalisten gehalten und fortgeschickt.

Aber auch Bundeskanzler Helmut Kohl besucht den Todkranken im Privathaus am Rhein. Sie reden über das Sterben, Brandts Leben und seinen Wunsch einer „Kanzlerbeerdigung“. Brandt bekommt sie, nachdem er am 8. Oktober 1992 in Unkel gestorben ist – in Berlin, wo seine Karriere begann.

Wussten Sie schon ...

… dass auch Konrad Adenauer in Unkel gelebt hat? Nach der Ausweisung aus dem Regierungsbezirk Köln durch die Nationalsozialisten lebt er von Oktober 1935 bis April 1936 im Pax-Erholungsheim für katholische Priester an der Kirchstraße – die Familie bleibt in Rhöndorf.