In der Baunscheidtstraße ist von 1995 bis 1999 der Sitz der Grünen, 1998.

Bundesgeschäftsstelle "Bündnis 90/Die Grünen"

An der Baunscheidtstraße 1a befindet sich von 1995 bis zum Umzug nach Berlin 1999 die Bundesgeschäftsstelle der Partei "Bündnis 90/Die Grünen". Das Gebäude steht heute nicht mehr.

Die Bundestagswahlen 1983 sind eine Sensation. Die neue Partei „Die Grünen“ überspringt erstmals knapp die „Fünf-Prozent-Hürde“, mit der das deutsche Wahlrecht nach den Erfahrungen der Weimarer Republik die Bildung stabiler Regierungsmehrheiten erleichtern soll.

Ihre Abgeordneten, die mit Sonnenblumen in der Hand ins Parlament einziehen, unterscheiden sich mit ihren Bärten, langen Haaren und Wollpullovern deutlich vom Typus Volksvertreter, den das politische Bonn gewohnt ist. Ihre Wurzeln hat die neue Partei in der "außerparlamentarischen Opposition" sowie in verschiedenen neuen sozialen Bewegungen, der Friedens-, Frauen- oder Umweltbewegung. Und so geht es auch in den Räumlichkeiten der Fraktion am Tulpenfeld und in jenen der Bundespartei in der Colmantstraße 36 bunt zu – einer „Bonner Gammelvilla", wie Der Spiegel 1984 belustigt formuliert.

Otto Schily und Petra Kelly vor Mikrofonen bei einer Pressekonferenz.
1983 ziehen die Grünen mit den Abgeordneten Otto Schily und Petra Kelly als vierte Fraktion in den Bundestag ein.

Die Partei selbst betrachtet sich als „Anti-Parteien-Partei". So sagt es Petra Kelly, eine ihrer Mitbegründerinnen, die dem Deutschen Bundestag bis 1990 angehört. Und dies gilt erst recht aus Sicht der so genannten „Fundis“, die sich gegen parlamentarische Bündnisse oder gar Regierungsbeteiligungen aussprechen und Parteitage zu einem „ökosozialistischen Gesamtkunstwerk“ werden lassen.

Die „Realos“ hingegen etablieren sich als zweiter Flügel innerhalb der Partei. „Die Grünen“ werden allmählich zum umweltpolitischen Juniorpartner der Sozialdemokraten, allen voran der umtriebige Hesse Joseph „Joschka“ Fischer. Er ist ab 1983 Abgeordneter des Deutschen Bundestags – allerdings nur für zwei Jahre, weil er sich an das „Rotationsprinzip“ der basisdemokratisch verfassten Partei zu halten hat. Fischer wechselt in die Wiesbadener Landespolitik, wird dort hessischer Umweltminister.

Im ersten gesamtdeutschen Wahlkampf 1990 erleben die West-Grünen, die ohne ostdeutschen Bündnispartner antreten, ein Debakel: „Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter“ steht auf ihren Plakaten. Das Ergebnis: Nur über die ostdeutsche Listenvereinigung „Bündnis 90/Grüne Bürgerinnenbewegung“ ziehen zwei Grüne in den Bundestag ein.

Joschka Fischer sitzt im Pullover und mit skeptischem Gesichtsausdruck bei einer Pressekonferenz 1983.
Joschka Fischer sitzt von 1983 bis 1985 für die Grünen im Bundestag, 1983.

Erst 1994 ist man im Bundestag wieder stark – Seite an Seite mit ostdeutschen Bürgerrechtlern als „Bündnis 90/Die Grünen“. Die Bundesgeschäftsstelle, die 1991 ins „Haus Wittgenstein“ nach Roisdorf umzieht, befindet sich ab 1995 in der Baunscheidtstraße 1a unweit der SPD-Zentrale. Kurz nachdem Gerhard Schröder dort anlässlich des Bundestagswahlsiegs 1998 euphorisch gefeiert wird, werden die Grünen Joschka Fischer, Otto Schily, Andrea Fischer und Jürgen Trittin Minister seiner rot-grünen Regierung. Die Zeiten, in denen sich grüne Politik als Kampf gegen das Establishment versteht, scheinen damit vorbei. Monate später zieht die Bundesgeschäftsstelle, die bei den Grünen nicht nach einer Parteipersönlichkeit benannt ist, mit dem Bundestag nach Berlin um.

Das Gebäude an der Baunscheidtstraße steht heute nicht mehr. An die charismatische Parteimitbegründerin Petra Kelly aber, die 1981 bei der Friedensdemonstration im Hofgarten spricht und 1992 von ihrem Lebensgefährten Gert Bastian erschossen wird, erinnert seit 2006 eine Allee, die das Verbindungsstück zwischen „Franz-Josef-Strauß-Allee“ und Autobahnauffahrt darstellt.

Wussten Sie schon …

… dass sich junge Mitglieder von CDU und Grünen schon zu Bonner Zeiten treffen? Die „Pizza Connection“, zu der Politiker wie Armin Laschet und Norbert Röttgen oder grüne Abgeordnete wie Andrea Fischer und Cem Özdemir gehören, trifft sich ab 1995 im Weinkeller des Restaurants „Sassella“ in Kessenich.