Bundeskanzler Helmut Schmidt lässt die Skulptur „Large Two Forms“ des Briten Henry Moore vor das Kanzleramt setzen, 2017.
Die Vogelperspektive verdeutlicht die nüchterne, funktionale Architektur des Bundeskanzleramts.

Bundeskanzleramt

1976–1999

Das Bundeskanzleramt ist von 1976 bis 1999 Amtssitz der Bundeskanzler Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Ab 1999 übernimmt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung das Gebäude.

Das Bundeskanzleramt kann im Rahmen einer Begleitung besichtigt werden.

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Nachdem Bundeskanzler Konrad Adenauer gestorben und im Erdgeschoss seines Amtssitzes im Palais Schaumburg aufgebahrt worden ist, verstreichen zweieinhalb Jahre. Dann entscheidet das Bundeskabinett 1969, endlich einen Ersatz für das enge, Dielen-knarzende Palais zu errichten – auf den Wiesen zwischen Palais Schaumburg und Bundeshaus. Horst Ehmke, der für seinen Planungsgeist bekannte Kanzleramtsminister Willy Brandts, will eine „moderne, funktionsfähige Regierungszentrale.“

Als der von den Architekten der „Planungsgruppe Stieldorf“ entworfene Flachbau im Sommer 1976 bezugsfertig ist, hält sich die Begeisterung trotzdem in Grenzen. „Es könnte“, lästert Brandts Nachfolger Helmut Schmidt als erster Hausherr, „genauso gut eine rheinische Sparkasse darin residieren oder der Giro- und Sparkassenverband oder eine Lebensversicherung.“ 

Im "Bericht aus Bonn" spricht Georg Pollich aus der Planungsgruppe Stieldorf über den Neubau des Bundeskanzleramts, 1976.

Das stimmt. Allerdings ist „gerade die bewusste Absage an alle großen Gesten“ von „hoher Symbolkraft“. So erläutert es der Architekturkritiker Heinrich Wefing und ergänzt: „Hier residiert der erste Angestellte der Bundesrepublik, der Geschäftsführer der Deutschland GmbH, in einem Bürohaus, das nichts sein will als ein Bürohaus. Kein Marmor, keine pompösen Hallen, nirgends auch nur die leiseste Erinnerung an den Bombast von Hitlers Neuer Reichskanzlei.“ 

Bald nach dem Einzug findet Bundeskanzler Helmut Schmidt einen Weg, dem ungeliebten neuen Kanzleramtsgebäude, zu dem auch ein Atombunker gehört, eine „eigene, eine menschliche Atmosphäre“ zu verpassen. Er lässt Kunst einziehen – Werke beispielsweise von Karl Schmitt-Rottluff, Erich Heckel oder August Macke. Sie stammen bewusst von Künstlern, die der Nationalsozialismus verachtet hat.

In den Eingangsbereich des Geländes lässt Schmidt die Skulptur „Large Two Forms“ des Briten Henry Moore setzen. Der Kanzler deutet sie als „Ausdruck für Menschlichkeit“ und sagt bei der Einweihung: „Dieses Haus sollte auch kulturell das Selbstverständnis unseres Volkes, unseres Staates repräsentieren.“

Das Objekt lenkt zudem ein wenig von den Zäunen und Sicherheitsvorkehrungen ab, mit denen das Gelände wegen der terroristischen Bedrohung durch die RAF geschützt werden muss. Sie ist eine der größten Herausforderungen der Amtszeit Schmidts.

Holzgetäfeltes Arbeitszimmer mit Schreib- und Konferenztisch, Regalwand und breiter Fensterfront
Das Kanzlerarbeitszimmer ist mit Originalmöbeln von Bundeskanzler Helmut Schmidt eingerichtet, 2016.

Auch Bundeskanzler Helmut Kohl nimmt Änderungen vor: Der gemütliche Pfälzer lässt ein leuchtendes Aquarium neben seinem Schreibtisch aufstellen. Er ist von 1982 bis 1998 Hausherr im Kanzleramt, wohnt in diesen sechzehn Jahren, wie vor ihm auch Schmidt, im Park hinter dem Gebäude, wo sich seit 1963 ein Bungalow für die deutschen Regierungschefs befindet.

Bundeskanzler Gerhard Schröder nutzt das Büro im Kanzleramt hingegen nur kurz. Der Nachfolger Kohls zieht nach wenigen Monaten Amtszeit im Sommer 1999 mit dem Parlament nach Berlin – ins vormalige DDR-Staatsratsgebäude. Das Kanzleramt am Spreebogen ist noch nicht fertig.

Schwarzweiß-Fotografie, großer holzgetäfelter Saal mit langem Kabinettstisch und Gemälden an den Wänden
Der Kabinettssaal im ehemaligen Bundeskanzleramt ist wie das Kanzlerbüro erhalten geblieben, 1998.

Den Schlüssel für das Bundeskanzleramt am Rhein übergibt er dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das hier bis heute seinen Sitz hat.

Wussten Sie schon ...

… dass die „Planungsgruppe Stieldorf“, die nach der rechtsrheinischen Anschrift des Architekturbüros benannt ist, auch die zwischen 1969 und 1975 errichteten „Kreuzbauten“ an der Rheinaue plante?